Big Cities

Die Eroberung des Zwischenraums

Von Karl-Heinz Möller · 2017

Es wird eng in den Städten. Drei Viertel der Weltbevölkerung werden bald eine der großen Metropolregionen ihr Zuhause nennen, falls die Prognosen für die Zeit um 2050 eintreffen. Wie können die Big Cities noch sinnvoll wachsen? Horizontal oder besser vertikal? Anhaltende Migration stellt die Baumeister vor neue Herausforderungen. Millionenstädte in Asien wachsen am Reißbrett mit der maßgeschneiderten Architektur des kleinsten Raumes. In Europas Zentren müssen sich Bauten organisch in die vorgegebene Stadtlandschaft anschmiegen und alte Traditionen erhalten. Heute werden die Weichen für die Zukunft gestellt. Planungen müssen kreativ und verantwortungsvoll justiert sein, und die Menschen auf dem Weg in die Zukunft mitnehmen.

Panorama von Berlin im Sonnenaufgang

Zu einer attraktiven Stadt der Gegenwart gehören verfügbarer Wohnraum, qualifizierte Arbeitsplätze, Infrastruktur für Familien, Natur, große Angebote an Kultur und Vergnügen, sowie Sicherheit und Teilhabe am allgemeinen Wohlstand. Aktuell hinken die Ansprüche bereits der Realität hinterher, auch wenn wenigstens für einen erklecklichen Teil der Städter vieles Positive zutrifft. Minimal-Konsens ist in diesem Kontext eine funktionierende Infrastruktur und bezahlbares Wohnen.

Stadtplanung mit Gefühl und Vorahnung

Vor allem der Blick auf die Infrastruktur muss hellseherisch weit in die Zukunft gehen. Weil das Umfeld, in dem wir aktuell leben, in einem langen Prozess über Jahrzehnte entsteht! Weil Projekte wie Verkehrswege, Strom- und Gasnetze, Kraftwerke, Gebäude eine intelligente Vorausplanung erfordern! Weil Stadtplanung für Wohnraum, Fabriken, Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Bahnhöfe, und Hallen entwickelt und permanent angepasst werden müssen! Weil nicht nur der technische Fortschritt Entscheidungen von heute bereits morgen kassiert, sondern die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen in einer total digitalisierten Welt weiterhin rapide wechseln!

Allgemeine Akzeptanz erfährt der Vollzug der Energiewende – ein gigantisches Jahrhundertprojekt, das mittlerweile immer stärker die Chancen und Vorteile mit neuen Geschäftsmodellen kombiniert. Die Phase des Übergangs ist schmerzhaft und teuer: Kohlekraftwerke und Atommeiler sind weder ökonomisch noch technisch sofort abschaltbar. Vor dem Hintergrund des Klimawandels, dem Mangel an Ressourcen bei steigendem Energiebedarf, einer demographischen Entwicklung, die sowohl Überbevölkerung als auch Entvölkerung anzeigt, haben alle Erfordernisse der städtischen Planer gemein, definitiv nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben.

Ingenieure und Architekten versuchen, eine innovative Struktur zu entwerfen, die wie eine Landschaft in der Stadt wirkt. Wie wollen wir wohnen im 21. Jahrhundert? Wie können wir Leben auf begrenztem Raum neu erfinden und innovativ konstruieren? Die Frage nach Konzepten für eine Stadt von morgen stellt sich existenziell und zwingend – unter anderem hervorgerufen durch millionenfache Landflucht.

Quelle: Nationale statistische Ämter, 2017

Städte bleiben Motor für Vision, Hoffnung und Konflikt

Transformation lautet eine der großen Herausforderungen. Die Städte Europas zeigen sich heute mehr denn je in einer Vielfalt des Erscheinens und der strukturellen Umstellung: Offene Stadt, schrumpfende Stadt, digitale Stadt, Stadt der kurzen Wege, Fahrrad- oder Autostadt, neoliberale Stadt – die Auflistung ließe sich fortführen. Im gesamtgesellschaftlichen Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Lebensweise spielen Städte als Vorreiter eine prägende Rolle.

Städte bleiben ein Pulsgeber für Interessen, Innovationen, Visionen, Hoffnungen und Konflikte. Dabei teilt die zunehmende Urbanisierung die Welt. In den westlichen Ländern schreitet Urbanisierung langsamer voran als beispielsweise in Asien. Hierzulande ist es eher ein Prozess der verschieden langsamen Geschwindigkeiten. Die Lösung steckt in der exakten Programmierung der Updates. Expansion – ökonomisch wie ökologisch – wird zur individuellen und globalen Anstrengung. 

Vor der Tür, im Kiez, wo das Herz der Stadt schlägt, nimmt die Enge zu. Ein Wettbewerb um die Zwischenräume ist entbrannt. Um jeden Quadratmeter wird spekuliert und gefeilscht, die letzten Meilen der Digitalisierung sind umworben, als regnete es bald Golddukaten. Maßgeschneiderte Architektur des kleinsten Raumes („Small scale apartments“) ist gefragt. Überfällige Luftreinigung, entstanden durch ungezähmten Autoverkehr, steht auf der Agenda der Planer. CO₂-Reduktion mit E-Mobilen und neuen Heiztechnologien wie Mikro-Kraftwerken und Wärmepumpen sollen die Stadt sauberer machen.

Kern der Stadt ist das Haus und seine Bewohner. Architektur und das Flair liefern den Charme, der Metropolen wie Barcelona, Berlin, Kopenhagen, Lissabon, London oder Paris innewohnt. Mögen die dort zu entdeckenden über Jahrhunderte gewachsenen Viertel alle Modernisierungen und baulichen Veränderungen schadlos überstehen. Denn Verbesserungen der Lebensqualität und Segnungen der Neuzeit sind möglich, ohne dass der Charakter zerstört wird. Intelligente Verifizierung von digitalen Systemen kann fast unsichtbar hinter den Kulissen stattfinden, und die Qualität und Effizienz der Gebäude sichern. Netzwerke übernehmen die Routinen, protokollieren buchhalterisch den aktuellen Zustand, schlagen Reparaturen oder Veränderungen vor, suchen selbstständig den günstigsten Strom.   

Verantwortung wird individualisiert

Dezentralisation parallel zu den umfassenden Netzwerken der erneuerbaren Energien lautet ein erfolgreiches Zukunfts-Konzept. Strom, Gas und Wärme werden auf kurzer Distanz dort erzeugt, wo sie ein Garant für Lebens- und Wohnqualität sind. Quartiersleute gestalten autonom, falls nötig. Intelligente Gebäude und Verwaltungen hängen dauerhaft am Netz und nehmen den Bürger, Angestellten oder Fabrikarbeiter virtuell an die Hand. 

Städte sind hochkomplexe Gebilde, bestehend aus unterschiedlichen Schichten und Ebenen, miteinander verwoben und gegenseitig anhängig. Sie sind nicht immer sichtbar, bestimmen aber Urbanität, Lebensqualität und Wandlungsfähigkeit einer Stadt. Sie machen sie zu einem Inkubator für den gesellschaftlichen wie technischen Fortschritt.

Urbanisierung, Stil und Qualität hängen direkt mit wirtschaftlichem Wachstum zusammen. Nur so kann es funktionieren, das alte Image vom vermüllten, hektischen und lauten Image eines Molochs abzuschütteln. Die Stadt der Zukunft wird nie perfekt sein. Aber es kann gelingen, mit klugen Investitionen in erneuerbare Energiequellen, alternative Verkehrskonzepten, ökologische Bauweisen, urbane Nischen und Inseln der Natur, Städte mit Charakter und Charme zu entwickeln. Die Chancen dafür sind gegeben und stehen nicht schlecht.

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