Nachhaltiger Städtebau

Kultur isst Strategie zum Frühstück!

Von Karl-Heinz Möller · 2016

Lichter von Autos auf Straßen, die zwischen Hochhäusern entlang führen. Thema: Nachhaltiger Städtebau

Städte als zentrale Räume spielen eine entscheidende Rolle auf dem Weg in die Zukunft. Erstmals in der Geschichte ist die Menschheit gefordert, eine Urbanisierung mit fünf Milliarden Stadtbewohnern weltweit zu erreichen. Themen wie Mobilität, Wirtschaft 4.0, Energiewende, Wohnkomfort und demografischer Wandel erfordern intelligente Lösungen. Sie sind nur im gesellschaftlichen Konsens zukunftsfähig.

Eine lebenswerte Stadt bietet ihren Bürgern sichere Arbeitsplätze, Wohnkomfort, Sicherheit, Diversität, Kultur, attraktive öffentliche Räume und eine gute Umweltqualität. Weiche Standortfaktoren und soziale Aspekte stehen im Mittelpunkt. Unternehmen siedeln sich gezielt in attraktiven, lebenswerten Städten an. Hier finden sie hochqualifizierte Arbeitnehmer, die nach Lebensqualität für sich und ihre Familien suchen.

Nachhaltigkeitsziele sind dabei für die Städte von morgen von entscheidender Bedeutung. Auch Anforderungen wie Resilienz und Wandlungsfähigkeit gegenüber zunehmender Extremsituationen und sich verändernder Rahmenbedingungen stehen auf der Agenda weit oben. Die resiliente Stadt ist vorbereitet auf plötzliche oder dauerhafte Veränderungen der klimatischen, demographischen oder wirtschaftlichen Faktoren. Resilienz beschreibt die Fähigkeit einer Rückkehr des Systems in seinen Normalzustand nach einer Krise oder Katastrophe.

Nachhaltiger Städtebau: Umweltgerechte Stadt ist Konsens und Ziel

Neue Denkweisen, Strategien und Infrastrukturen sind gefragt. Wie sieht die Stadt im Detail aus, in der wir morgen leben wollen? Welche Produkte und Lösungen gilt es dafür zu gestalten? Allgemeiner Konsens hierzulande ist die Vision einer umweltgerechten Stadt. Sie leistet ihren Beitrag zum Ausstieg aus der CO₂-basierten Wirtschaft. Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen wird als Ziel der lebenswerten Stadt angenommen. Klare Luft, sauberes Wasser, intakte Natur lauten einige der Ansprüche. Im gleichen Atemzug werden hohe Mobilität und Kommunikationsdichte genannt. Das Modell „Stadt der Zukunft“ beschreibt einen Prozess. Innovative Metropolen nehmen diese Chancen als „lebendiges Labor der Zukunft“ wahr, wie eine Forschungsgruppe der Fraunhofer Gesellschaft es formuliert (Projekt „Morgenstadt“). Die City wird zum Anziehungspunkt für Forschungseinrichtungen und hochqualifizierte Arbeitnehmer. Sie entwickelt soziale und technische Innovationen und entwirft neue urbane Lösungen.

Um aus eigener Kraft die gesetzten Ziele zu erreichen, kehren Städte zu einem lokalen oder regionalen Versorgungssystem zurück. Globalisierung hat Städte weltweit abhängig von einer externen Versorgung gemacht. Dezentralisierung und Demokratisierung lautet jetzt das Gebot der Stunde. Städte wie Singapur haben hierzu bereits lokale Strategien initiiert (Stichwort Solartechnologie), um dieser Abhängigkeit aktiv zu begegnen. Hierzulande ist der Schritt zur dezentralen Organisation eine logische Folge der Energiewende. Erneuerbare Energiequellen wie Photovoltaik-Anlagen, Windparks und Biogasprojekte liefern Strom und Wärme vor Ort. Stadtwerke operieren autonom. Haushalte können sich per Wärmepumpen und Systeme mit Kraft-Wärmekopplung autark versorgen.

Digitalisierung und Mobilität als Rahmenbedingungen

Vernetzte Mobilität wird Alltag auf deutschen Straßen innerorts werden. Erste Rahmenbedingungen sind geschaffen, das Umsetzungstempo nimmt zu. Ein Beispiel ist das Projekt des Digitalverbandes Bitkom anlässlich des einjährigen Bestehens des digitalen Testfeldes Autobahn auf der A9. Zwischen Nürnberg und München erproben Unternehmen seit vergangenem Herbst diverse Techniken für die vernetzte Mobilität von morgen, etwa für die Fahrzeug-zu-Fahrzeug- oder Fahrzeug-zu-Infrastruktur-Kommunikation. Beides gilt als Voraussetzung für automatisiert agierende Fahrzeuge.

Die Rolle der Städte in der Energiewende kann nicht losgelöst vom Verkehr insgesamt betrachtet werden. Wie kann Mobilität in der Stadt energetisch und stadtverträglich umgesetzt werden? Um Mobilität in der Stadt der Zukunft nachhaltig zu gestalten, sind integrierte Strategien unter Einbindung der Energieversorgung nötig. Unterschiedliche Bedürfnisse und differenzierte Lebensstile sind zu bedenken. Die Stadt muss vor allem als Lebensraum betrachtet werden. Als Leitlinie gilt, das richtige Verkehrsmittel für den geeigneten Zweck einzusetzen. Die Steckdose muss idealer Weise zum E-Mobilfahrer kommen und nicht umgekehrt. Der Sharing-Gedanke wird als ein Ansatz für gemeinsame Verantwortung akzeptiert und umgesetzt. Dies kann auch bedeuten, dass Staat und private Unternehmen in Form von Öffentlicher Privater Partnerschaften Verantwortung übernehmen.

Mehr Prozess- und Management-Innovationen im öffentlichen Sektor werden benötigt, Stichwort E-Governance. Nicht von Ungefähr lautet eine Erfahrung: „Culture eats Strategy for Breakfast“. So äußerte sich Peter F. Drucker, einer der einflussreichsten Pioniere der modernen Managementlehre, über die Bedeutung von Unternehmenskultur für den Unternehmenserfolg. Erfahrungen beispielsweise aus dem Change-Management, wenn die Missachtung von weichen Faktoren harte Folgen nach sich zieht, gelten auch für den erfolgreichen Strukturwandel in Städten. Jede Stadt verfügt über eine typische Kultur. Sie macht die Attraktivität einer Stadt aus. Dies belegen inzwischen viele Studien. Besonders für die Bürger und ihre Identifikation mit der Stadt spielt die Spezialität eine wichtige Rolle.

„Kultur isst Strategie zum Frühstück“ soll die oberste Leitlinie der Planer für die Gestaltung der Städte sein. Strategien führen laut Drucker zum Erfolg über eine Kultur der Werte und Überzeugungen. Dies gilt für das Innovationsgeschehen ganz besonders. Die richtige Mischung aus strategischem und operativem Handeln muss gefunden werden. Zur Vision gehört unter anderem die Beteiligung aller Akteure: Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Urbanisierung kann auch als gigantischem Markt betrachtet werden. Im Modell der Zukunft stecken Chancen. Die „Grid Parity“ (Zustand gleicher Stromkosten) ist ein Beispiel dafür. Aktuell hat der Preis regenerativer den der fossilen Energien bilanziell unterschritten. Mit neuen innovativen Speichertechnologien wird sich das Verhältnis umdrehen. Es geht nicht um die Frage der Kosten, sondern um das Entwickeln besserer Geschäftsmodelle. So sind die geplanten Maßnahmen zur Infrastruktur nicht nur unter Kostenaspekten zu betrachten. Wenn Brücken und Straßen saniert und an die Anforderungen der Zeit angepasst werden, liefern sie Fundamente für Neues.

Co-Innovation aus der Nische

Entscheidend für die Realisation des Modells „Stadt der Zukunft“ dürfte die Mitwirkung der Bürger sein. Strömungen wie Share Economy, Energiegenossenschaften, Kiezfonds und soziale Netzwerke können in die Planungsprozesse einbezogen werden. Kein Hindernis, sondern Chance steckt in einer aktiven und mündigen Stadtgesellschaft. Wie die Vergangenheit zeigt, entstehen urbane Innovationen in Nischen, bevor sie an die breite Oberfläche kommen. Diese „Co-Innovation“ kommt von der Basis. Eine urbane City, die sich alle wünschen, in der viele Elemente von der „Stadt der Zukunft“ stecken, wird auch ein Mittelpunkt sozialer Innovationen sein.

Quelle: United Nations, 2010

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